professionell pleite


Im Zuge der Aufarbeitung vergangener Erlebnisse, hier nun etwas vom 20. August:

Tokyo ist teuer.
So teuer, dass ich nach fast zwei Monaten schon pleite bin, und dringend einen Job brauche. Ich scherze nicht, ich hab nur noch für diese Woche Geld für Essen. Danach wirds kritisch.

Einen Job in Tokyo finden ist nicht leicht. Auch wenn sich die Regierung die größte Mühe gibt, jedem Arbeit zu geben, der danach schreit. So werden zum Beispiel 5 Leute gebraucht, um Leute anzuhalten, wenn ein Auto aus einer Ausfahrt, über den Gehweg, auf die Straße fahren möchte. Danach folgt das “Danke sehr. Bitte gehen sie hier lang”, oft auch im Canon von allen 5 Leuten zusammen.
Mein Mitbewohner, der schon seit 5 Jahren hier lebt, hatte mir es mal erklärt: Es gibt hier keinen Mental-Healthcare-Plan, d.h. für Leute die nicht ganz richtig im Kopf sind, oder aufgrund vom gehobenen Alter schon ein paar Murmeln abhanden gekommen sind, werden eben in solche “dummen” Jobs gesteckt. Auch für Arbeitslose werden diese Tätigkeiten regelrecht “geschaffen”. Trotzdem erfüllen die dann, wie jeder andere Japaner, ihren Job pflichtbewusst, weil sie somit ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft sind.

Von daher geb ich mir Mühe diese Jobs zu respektieren. Was dann auch dazu führt, dass ich eben dort lang gehe, wo mich der Herr in Uniform bittet hinzugehen. Auch wenn das garnicht der Weg ist, wohin ich will. Man ist halt höflich hier.

Wie dem auch sei, Arbeit finden ist nicht leicht. Gibt zwei Sachen die mir da im Wege stehen:

1. Meine schlechten bis nichtvorhandenen Japanisch-Fähigkeiten
2. Die schlimmste Rezession in Japan seit 20 Jahren

Trotzdem fand ich nun im Goethe-Institut einen Aushang mit nem Job-Angebot in nem Café. Stand zwar drüber, den Aushang hängen zu lassen, aber ich dachte, wenn ich ihn mitnehme, könnte ich meine Chancen der einzige Bewerber zu sein, enorm steigern.

Neun Monate Küchen-Arbeit als Zivi in nem Kindergarten, mit pro Tag 200 Kindern härten ab, also suche ich vermehrt solche Küchenjobs, weil ich dort die Erfahrung habe. Zumal gibts dabei meist auch gratis Essen, was auch nochmal Kosten spart.

Das Café befand sich in Jiyugaoka, etwas außerhalb und ruhig gelegen. Viele ausländische, vorallem italienische/französische/britische Cafés und Restaurants, dazu viel pseudo-europäische Architektur. Oder zumindest das, was die Japaner unter europäisch vorstellen.

Das Cafe mit dem Job war in der italienischen Ecke. Zwischen ein paar Backsteinhäusern gab es einen kleinen Kanal mit venezianischer Gondel. Das Café selbst war französisch/deutsch, und es gab unter anderem “Original Berliner Currywurst” auf der Karte. Für umgerechnet 4€ gabs ein Stückchen Heimat. Zumindest die Curry-Soße schmeckte wie Berlin, doch das bisschen Wurst war auf keinen Fall deutsch. Dazu gabs Sauerkraut.

Die Inhaberin war japanisch, lebte zehn Jahre in Amerika und arbeitete für nen Fernsehsender. So wie sie aussah, bestimmt vor der Kamera. Sie hatte Verständnis für mich als armen Journalisten und gab mir Tipps.

Ihr Mann war deutsch und er liest hoffentlich nie diesen Blog. Denn ihr Mann war ein ziemlicher Arsch.

Setzte sich bräsig vor mich hin, mit einer “Was willst du denn hier?” Einstellung. Er stellte mir Fragen, ignorierte aber die Antworten. Er stand ab und an mal auf, ohne ein Wort zu sagen, und kam dann irgendwann mal wieder. Ungefragt nahm er sich meine Kamera, die ich mal zeigen wollte, und ging rum und fotografierte. Als er dann irgendwann wiederkam, fehlte an der Kamera ein Teil, was sich dann aber nach einer Weile Suchen wieder fand. Er lebt seit 13 Jahren hier, spricht aber kaum Japanisch.

(Diese Gruppe von Deutschen, die hier seit Jahren leben, aber kein Japanisch können, trifft man hier häufiger. Ich finds peinlich und respektlos)

Wie dem auch sei, wie es der Zufall wollte, war genau zu dem Zeitpunkt, wo ich da war, ein Fotoshooting draußen, die Models waren die Kellnerinnen des Cafés, und gleichzeitig die Tochter der Inhaberin, und deren Freundin. Beide flüssig in Englisch, wenn auch in diesem oberflächlichen Amerikanischen (jedes zweite Wort war “like”, “you know like, like totally, duh?!”)

Die Fotografin war eine Hobbyfotografin, mit ner digitalen Leica. Die Leica kam aus Deutschland, was sie mir dann auch ganz stolz zeigte, als ich ihr sagte, ich bin aus Deutschland. Deutsche sind hier beliebt.
Es ging um eine Tennisklamotten-Kollektion. Der Betreiber vom Sport-Geschäft und der Designer der Kollektion waren zusammen mit der Hobby-Fotografin vor Ort. Warum auch immer sie ein pseudo-europäisches Setting gewählt haben, um Sportkleidung zu präsentieren.
Das weder der Geschäftsinhaber noch der Designer Ahnung von Fotografie hatten, war schnell klar. Die Models wurden immer gekonnt in den Schatten gesetzt, stets in einer Pose, die er sich irgendwie im neuesten Quelle-Katalog abgeschaut hat, und nun schlecht imitierte.

Ich schnackte mit der Hobbyfotografin, und gab ihr ein paar Tipps. Und obwohl sie es besser wusste, hat sie stets die Bilder so gemacht, wie der völlig unfähige Designer mit Ziegenbart es verlangte. So läuft eben die Hierarchie hier in Japan.

Ich konnt mir das nicht lange ansehen, schnappte mir das Modell und inszenierte selbst etwas.

Die Ergebnisse waren dann gelungen, und erstaunten die Unfähigen. Doch statt mir Folge-Aufträge zu geben, waren sie dann doch eher angepisst, dass ich sie so bloßgestellt hatte.

trotzdem hübsche töchter und putzige hunde

Nach dem Shooting kam die Chefin vom Café auf mich zu, wegen dem Job. Sie meinte, sie überlegt nochma, aber sie glaubt, dass ich als Fotograf besser bin, als als Kellner.

Recht mag sie haben.
Vielleicht professionell, aber trotzdem immernoch pleite in Tokyo.

rennende japanische Mädchen

(wenn man die kamera rausholt gibts immer eine gruppe japanischer mädchen die posieren. keine ahnung wer die sind, aber sie hatten spaß fotografiert zu werden)

war heut bei nem Matsuri, das sind Sommerfestivals, die überall stattfinden, mal hier, mal da. Vergleichbar mit ner deutschen Kirmes, aber dann doch mehr mit Tradition und vorallem besseren japanischen Essen. Meist findets um nen Tempel herum statt, mit Tanz und Kultur.

Heute war das Matsuri in Roppongi, dem Partyviertel von Tokyo. Das schreiben zumindest alle Reiseführer, weswegen alle Gaijin (=Nichtjapaner, Ausländer) nach Roppongi gehen, um Party zu machen. Das führt dazu, dass in Roppongi fast nur Gaijin sind, und leichte japanische Mädchen, die auf Gaijin stehen.
Meistens sind die Gaijin oberflächliche Amerikaner, und die Japanerinnen etwas dümmlich. Bestes Beispiel beim Matsuri heute:
Ein Amerikaner zerdrückte mit lauten Rülpsen an seiner Stirn eine Bierdose, was die Japanerinnen anscheinend sehr amüsant fanden, und der Amerikaner zum Anlass nahm, mit ihnen high-five zu machen.

Auf einmal Hektik – hunderte von japanischen Mädchen rannten in eine Richtung. Ich dachte zuerst, Godzilla ist vorbeigekommen, und hat den Amerikaner wie eine Bierdose zerdrückt. Als Fotojournalist in-spe bin ich natürlich mitgerannt.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liefen drei Jungs – und hinter ihnen eine Traube von hunderten japanischen Mädchen, die alle ihr Handy zückten um die Jungs abzulichten. Trotzdem hielten sie stets zwei Meter Abstand zu den Jungs, die sich dabei die größte Mühe gaben, so zu tun, als merkten sie nicht, dass hunderte japanische Mädchen respektvoll aber stetig hinter ihnen her wackelten.
Einen Japaner fragte ich dann, wer das nun war, und es stellte sich heraus, dass es “Schauspieler” einer Soap waren.

Meine deutsche Begleitung meinte, sie würde nicht gern in Japan berühmt sein wollen.

Ich persönlich hät jedoch nichts dagegen, wenn mir hunderte japanische Mädchen, gekleidet im Yukata, folgen würden.

Ganz ehrlich.

Erste Eindrücke ohne Abdrucke

So… nach vielen Schreien danach und vielen merkwürdigen Erlebnissen in Tokyo, hab ich nun doch entschieden nen Blog zu führen. Das ich jetzt schon übern Monat hier bin, machts chronologisch nicht akurat, aber ich geb mir Mühe möglichst viel abzudecken.
Es folgen nun einige der ersten Impressionen von Tokyo und Umgebung, die ich eigentlich der Berliner Zeitung angeboten hatte. Sie wollten keins, drum veröffentliche ich es jetzt nun selbst. Ätsch.

Eine einsame und wartende, traditionell gekleidete Frau, die von den Passanten mehr oder weniger ignoriert wird. So ist auch teilweise mein Eindruck von Tokyo: Die Leute sind so in Eile, dass sie die japanische Kultur und Tradition am Rande stehen lassen und vergessen.

Die Mercer-Studie hat kürzlich herausgefunden, dass Tokyo wieder zur teuersten Stadt der Welt aufgestiegen ist. Doch es gibt auch hier Sachen die kostenfrei sind, wie zum Beispiel die Aussicht aus dem Metropolitan Government Building, dem ziemlich gewaltigen Rathaus von Tokyo. Der Eintritt ist frei, aber die Aussicht auf diese nicht enden wollende Stadt unbezahlbar.

dieses Bild habe ich vom Tokyo Tower aus gemacht, man erkennt schon von weitem die Leuchtreklame und Lichterwelten von Roppongi, dem Amüsierbezirk von Tokyo, mit seinen vielen Clubs und Bars.

Ein paar Aufnahmen von der Stadt Tokyo, man erkennt oft nicht, wo die Stadt aufhört und der Smog beginnt. Tokyo als Stadt zu bezeichnen wäre auch verkehrt, rein verwaltungstechnisch existiert Tokyo auch nicht, es gibt nur die einzelnen Städte innerhalb der Region Tokyo, das ganze Gebiet selbst wird als Ost-Japan verwaltet.

Tokyo hat sich ja als Austragungsort für die Olympischen Spiele 2016 beworben, überall in der Stadt gibt es bereits Fahnen und Flaggen mit den Olympischen Ringen und Sprüchen, die den kollektiven Ehrgeiz beschwören, sich ganz viel Mühe zu geben um Austragungsort zu werden.
(Darüber hinaus hat sich Japan auch als Austragungsort für die Fussball-WM für 2018 UND 2022 beworben)

Akihabara Electrical Town ist das Zentrum für Elektrogeräte in Tokyo (so wie Japan im Prinzip das Zentrum der Welt für Elektrogeräte ist). Überall Lichter, Neonröhren und elektronische Spielereien. Das neueste Spielzeug ist eine Rolltreppe, die vaporisiertes Wasser auf die Leute auf der Treppe sprüht – was bei den konstanten südpazifischen 30°C und der knallenden Sonne echt angenehm ist. Die ständig gebrauchten und benutzten Fächer wirbeln auch nur die warme Luft zurück zum Wedler…

Ein Geschäftsmann in Shibuya, dem belebtesten Viertel in Tokyo, mit Shibuya Crossing, der größten Verkehrskreuzung der Welt, die pro Ampelphase von bis zu 15.000 Leuten auf einmal passiert wird.

Ein Unwetter braut sich über der Stadt zusammen, was hier im Südpazifik öfter mal recht heftig werden kann. Der einzige der dagegen steht ist ein Wachmann, der tapfer alleine den Kaiserlichen Palast bewacht, der hinter ihm ist (leider nicht im Bild).

zu den merkwürdigen Besonderheiten: Ein abschließbarer Parkplatz für Schirme. Auch wenn man in Tokyo keine Angst haben muss, beklaut zu werden. Es ist alles sehr sicher hier. Es ist viel mehr ein Gebot der Höflichkeit, seinen Schirm draußen zu parken.

Eins der vielen Festivals die im Sommer in den Schreinen und Tempeln von Japan stattfinden. Zu den Festlichkeiten wurden 30.000 Lampions aufgehängt und es herrscht eine angenehme Volksfeststimmung. Dieses Festival hier ist im Yasukuni Jinja, einem Schrein in dem den Toten vom 1. Und 2. Weltkrieg gedacht wird. Dabei allerdings auch den Kriegsverbrechern, was zu heftigen Spannungen innerhalb von Asien führt, jedes Mal wenn der Premierminister diesen Tempel öffentlichkeitswirksam besucht.

Ein Unwetter braut sich auf Niijima zusammen, einer kleinen Insel 130km südlich von Tokyo, die aber immer noch zu dessen Verwaltungssystem gehört. Auch dort finden sich überall die olympischen Flaggen, auch wenn Niijima von Olympia soweit entfernt ist, wie Tokyo von Berlin.