Bücherliebe


Ich war letzten Herbst in Tokyo und konnte im Oktober noch das „Festival der gebrauchten Bücher“ besuchen. Seit 1960 wird es im Stadtteil Kanda gefeiert, über 500.000 Literatur-Liebhaber strömen dann in das Buchviertel Jinbocho. Mit mehr als einer Million angebotenen Büchern ist es die größte Buchhandlung der Welt.

Ich hatte vorher schon von dem Festival gehört und die Bilder gesehen, von den übervollen Buchtischen mit einfachen Glühbirnen dran. Da Sayuri gerade mal frei hatte, wollte ich sie dort eigentlich auch treffen und mit ihr zusammen die Stände abgehen – aber in der Menschenmasse konnte ich sie einfach nicht finden. Schade, denn vor meiner Abreise musste sie immer an jedem Tag arbeiten und war verhindert.

Der „Korridor der Bücher“ war echt beeindruckend, selbst für Leute ohne, oder mit wenig Japanischkenntnissen.

Impressionen: Ikebukuro

Für ein deutsches Manga-Magazin machte ich eine Art Tokyo Guide, zu verschiedenen Stadtteilen und -zentren von der Metropole, jeweils mit Text und Bildern. Den Anfang machte Shinjuku, der zweite Teil war Harajuku, der dritte Shibuya, der vierte Shimokitazawa, der fünfte Chiyoda und hier nun Ikebukuro.

Ikebukuro ist ein Stadtteil ohne Charakter – wobei man diese Charakterlosigkeit auch wieder zur Persönlichkeit von Ikebukuro zählen könnte. Wie dem auch sei, viel gibt es nicht in Ikebukuro zu sehen, aber doch ein paar Sachen zu erzählen. Aber auch nicht wirklich viel…

Aus Ikebukuro hatte ich bisher nur ein Bild verblogt, „Der letzte Blick auf Tokyo“, was irgendwo auch zeigt, dass es dort nicht so viel spannendes zu fotografieren gab. Zudem zeigt dieses Foto nicht Ikebukuro, sondern Shinjuku, gesehen von Ikebukuros Hochhaus, Sunshine 60, mit namensgebenden 60 Stockwerken.

In Ikebukuro ist die letzte Straßenbahnlinie von Tokyo, das Zentrum für weibliche Otaku (Anime und Manga Fans) und in Ikebukuro wohnte eine liebe Freundin von mir, eine Finnin. Sie war eigentlich der einzige Grund, warum ich ab und an nach Ikebukuro fuhr. Ebenso wie ich hatte sie nie wirklich Geld, was ganz gut war, da wir so geldsparend unterwegs waren. Die Bilder für Ikebukuro musste ich allerdings an zwei Tagen machen, da ich mich beim ersten Shooting Tag mit ihr getroffen habe und mehr quatschte als knipste. War aber trotzdem ein schöner Tag.
Was ich eigentlich vermeiden wollte, in der heissen Regenzeit zu fotografieren, konnte ich leider nicht mehr umgehen, so ist es auf jedem Foto bewölkt.

Keine schöne Architektur, dafür versinkt Ikebukuro in bunten Reklametafeln.

Metropolitan Art Space, kulturelles Herz von Ikebukuro.

Der Bahnhof in Ikebukuro ist einer der größten in Tokyo, und zentrale Anlaufpunkt für alle Linien Richtung Norden und Nordwesten.

Um die letzte Straßenbahn von Tokyo zu finden musste ich lange suchen. Fast schon versteckt zwischen kleinen Wohnhäuser schlängelt sich die Bahn durch ein grünes Gleisbett.

Während im Hintergrund die Hochhäuser stehen.

Die Sunshine Straße zu Fuße des Sunshine 60, in dessen ersten Stockwerken das Sunshine City Einkaufszentrum ist. Trotz soviel Sunshine gabs an dem Tag wenig Sonne.

Der hässliche Koloss Sunshine 60, einst das höchste Gebäude Japans. Oben gibts ne Aussichtsplattform.

Unten am Koloss gibts einen kleinen Park, mit Gedenkstein.

Hier stand früher nämlich ein Gefängnis, in dem auch Kriegsgefangene saßen und im dazugehörigen Friedhof begraben wurden. Hier war unter anderen auch der Deutsche Richard Sorge, dessen Grab ich im Januar besuchte. Gefängnis und Friedhof wurden wegen dem Bau des Sunshine 60 plattgemacht und die Gräber verschoben. Da man in Japan ja nicht vergräbt sondern verbrennt und einen Gedenkstein aufstellt, war das Umlagern einfacher. Ebenso auch wahrscheinlich die moralische Entscheidung, einfach einen Friedhof umzuwühlen, das könnt ich mir in Deutschland nicht vorstellen.

Gegenüber von Stein und Koloss ist die Otome Road (wörtlich: Straße der Jungfrauen). Das ist ein relativ kurzer Straßenabschnitt vollgepackt mit Manga und Anime-Läden, die gezielt Mädchen ansprechen. Dementsprechend viele junge Mädels finden sich hier an. Sie sind das weibliche Äquivalent zum männlichen Otaku, genannt „Fujoshi“ (verdorbene Mädchen). Ich bin auch in so einen Laden rein und alle Mädels drehten sich nach mir um. Kein Witz. Es ist nämlich echt ungewöhnlich, dass ein Kerl in diese Läden geht, und dann noch ein blonder Ausländer. Lange wollte ich aber auch nicht bleiben, überall lächelten mich viel zu hübsch gezeichnete Kerle an.

Die Gegend stellt sich langsam auf diese Kundschaft ein. So gibt es u.a. Cat Cafés, wo man nach der Bezahlung von etwas Eintritt stundenlang Katzen streicheln kann, die da frei herumlaufen.

Oben im Sunshine 60 gibts gegen etwas Eintritt auch einen fast 360° Blick auf Tokyo.

Zu dem Zeitpunkt war ich schon auf etlichen Hochhäusern in Tokyo und die Aussicht ähnelt sich schon stark. Die Aussicht vom Sunshine 60 ist aber insofern interessant, weil es einen freien Blick auf eben diese Hochhäuser wirft. Im nahen Umkreis ist kein Gebäude auch nur annähernd so groß wie dieses.

Die Hochhäuser in der Mitte sind Shinjuku.

Hier noch eine Geschichte die sich hinter Ikebukuro verbirgt und vielen Bewohner nicht mal bekannt ist: Die beiden Kaufhäuser oben im Bild, Seibu und Tobu sind im Besitz von zwei Brüdern und gehören zu den größten der Welt. Beide Brüder hassen sich allerdings und versuchen sich gegenseitig in Größe der Kaufhäuser und Erfolg zu übertrumpfen. So kommt das fast alle Geschäfte und Gebäude auf der einen Seite des Bahngleises dem einen Bruder gehören, und die andere Seite fast komplett dem anderen.

Und bei Nacht gehen die Lichter an.

Ikebukuro hat durchaus ein aktives Nachtleben, aber sonderlich attraktiv ist das außer für die Bewohner nicht wirklich. Das selbe gilt für Ikebukuro am Tag…

Frischer Frühstücksfisch – Teil 1: Der Sonne entgegen

In Tokyo gibt es den größten Fischmarkt der Welt: Tsukiji. Jeden Morgen um 5.30 Uhr findet dort eine Thunfischauktion statt, die jeder Reiseführer über Tokyo anpreist. Für einen Tokyoguide-Beitrag über Chiyoda durfte das also nicht fehlen. Also bin ich durch den Tokyoter Morgen gefahren, immer nach Osten Richtung Sonnenaufgang.

Der Tsukiji-Fischmarkt ist der größte Fischmarkt der Welt. Mehr kann ich darüber nicht schreiben. Denn was da stattfindet, lässt sich wirklich schwer in Worte packen. Man muss es selbst gesehen und erlebt haben, all den Trubel und Chaos um tonnenweise frischen Fisch. Von daher will ich ich hier mal mehr auf die Fotos konzentrieren, um einen bruchteilhaften Einblick in Tsukiji zu geben.
Ich sage bewusst bruchteilhaft, weil nur ein Ausflug in Fotos kaum den ganzen Tsukiji-Kosmos zeigt. Der beste ausländische Fotograf in Tokyo, Alfie Goodrich, sagte neulich mal über Tsukiji, dass er seit über 10 Jahren dort regelmäßig fotografiert, und immer noch nicht am Ende aller Motive ist.

Ich habe auch recht viele Fotos gemacht, daher teile ich den Beitrag mal in zwei Teile auf. Es beginnt mit dem Weg zum Markt, um 3 Uhr Morgens an einem Freitag.

Am Donnerstag zuvor war ich noch im Restaurant arbeiten. Sieben Stunden umherrennen um Wurst und Bier zu verteilen. Nach dem Ende um Mitternacht erzählte ich meinen Kollegen, dass ich nachher noch ein Shooting habe. Mein Arbeitseifer, heute nacht nicht zu schlafen um zu arbeiten, fand großen Anklang. Bei mir nicht unbedingt. Ich hätte gern geschlafen.

Kleine Ortskunde in Tokyo: Mein Restaurant lag in Chiyoda, im Osten von Tokyo, in der Nähe vom Kaiserpalast. Ich wohnte damals in Nakano, im Westen von Tokyo. Und Tsukiji liegt ebenfalls im Osten, in Chiyoda. Distanz zwischen meiner Bude und Chiyoda ist ca. 10km mitm Fahrrad.
Das hieß: Mit dem Rad zum Restaurant, von dort nach Feierabend wieder heim, drei Stunden später wieder zurück nach Chiyoda, nach dem Fischmarkt wieder heim. Alles mitm Rad.

Der Tag ging gut ins Bein, und bei all den Hügelnn auf den Weg war ich damals auch in besserer Form als jetzt im flachen Berlin.
Das Fahrrad musste ich auch nehmen, weil in Tokyo ja zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens kein Zug mehr fährt. Da die Auktion um 5.30 Uhr beginnt und man sehr früh da sein sollte, bleibt dann nur Fahrrad oder Taxi. Also mit dem Fahrrad durch die Tokyoter Nacht.

Nachts gibts auf Tokyos Straßen, neben betrunkenen Geschäftsmännern, nur noch Katzen und Taxis. Die Fahrt war sehr angenehm, freie Straßen Richtung Osten.

Das Schöne war, dass mit fortschreitender Strecke und Zeit, sich die Sonne auch mehr zeigte. Die Sonne geht ja bekanntlich im Osten auf, ich fuhr also direkt auf den Sonnenaufgang zu, durch ein absolut ruhiges und friedliches Tokyo.


Burggraben vom Kaiserpalast…. Heisst das überhaupt Burggraben? Na halt hier, Wasser und so


Stille See

Nachts wird ja auch gern auf Tokyos Straßen gebaut, um tagsüber nicht den Verkehr aufzuhalten. Die einzigen wachen Menschen, die ich zu dieser Zeit traf, waren irgendwelche Ordnungswichtel, die mit ihren Leuchtstäben an den Baustellen standen. Einige waren sichtlich erfreut, dass überhaupt mal einer vorbeikommt, den sie bitten können, ‚dort‘ entlang zu gehen. Einer kam mir direkt vor mein Fahrrad gesprungen und schrie noch „VORSICHT!“. Damit brachte er mich mehr in Gefahr als ihn. Nachdem mein Herz sich wieder gefangen hatte, entschuldigte er sich und meinte, dass hier gebaut wird und ich rechts vorbei fahren soll. Na gut, dass er es mir sagte, die zehn leuchtenden Schilder und Pfeile hätte ich doch glatt übersehen…


Nächtliche Ginza


Statue auf der Ginza, kurz vorm Fischmarkt

Der Fischmarkt liegt am Ende der Luxusmeile Ginza, und auch am äußeren Ende von Chiyoda. Soweit am Ende, dass ich es verpasste, auch wenn die Ginza schon 2km nach frischen Fisch gerochen hat. Kein Scherz, durch den Mangel an Autos und Abgasen war die Luft recht rein und die Gerüche verbreiteten sich weit. Es roch nicht mal unangenehm nach Fisch, einfach nur angenehm frisch.

Der Fluß markiert das Ende von Chiyoda, links ist es noch der Bezirk, rechts nicht mehr. Der Fischmarkt liegt am Fluß, auf dem Foto hinter mir.

Von außen sieht mans nicht, es ist einfach nur ne graue Halle. Einen verdutzten Arbeiter fragte ich, wo denn der Markt ist, und der zeigte nur auf diese große Halle auf der anderen Seite der Straße. Ich parkte mein Rad in einer dunklen Seitengasse und stellte mich an die Ampelkreuzung. Ein Taxi kam angefahren und ein junges Pärchen stand aus. Ich überlegt noch kurz, ob die auch zum Fischmarkt wollen, und meine Vermutung wurde kurz danach bestätigt. Sie steuerten direkt auf den Fischmarkt zu und blieben noch kurz am Eingangsschild stehen. Diesen kurzen Moment nutzte ich, um mich in der Schlange noch schnell vor ihnen zu platzieren.


Ja, da steht „Meister“. Eingangstür vor der wir alle warteten

Zur Thunfisch-Auktion im Tsukiji-Markt kann jeder gehen und es ist kostenfrei. Das machte sie so beliebt, dass bald die Touristenzahlen explodierten. Als sich dann noch einige Amerikaner Touristen nicht näher bestimmten Herkunft daneben benahmen, wurden nach einer einmonatigen kompletten Sperre für Touristen, neue Regeln festgelegt. Diese sagen nun, dass es pro Auktion nur zwei Gruppen à 80 Leute geben darf, die erstmal geordnet in einer Schlange anstehen müssen. Ich war der vierte in der Schlange, vor mir zwei Japanern und eine blonde Ausländerin, vom Akzent her irgendwas nordisches.
Hinter mir war dann, wie erwähnt, das Pärchen aus dem Taxi. Da war es dann so 4.50 Uhr, die Auktion sollte um 5.30 Uhr beginnen. Vorher würde es sicherlich eine Art Belehrung geben, also nahm ich an, es würde bald reingehen.

Inzwischen trafen die ersten Amis ein – laut hörbar für alle. Anscheinend waren sie noch halb betrunken aus irgend einem Club gefallen und wollten nun die toten Fische sehen. Das sie warten mussten, passte ihnen natürlich garnicht und sie beschwerten sich die ganze Zeit. Darüber unterhielten sie sich über ihre nächsten Reiseziele und sprachen die meisten Ortsnamen falsch aus. Aber gut, fließend Japanisch muss nicht jeder können, ich kann es ja auch nicht.

Die Schlange wurde immer länger und die Amerikaner immer lauter. Wir warteten die ganze Zeit darauf, durch die Tür in den Eingangsbereich zu kommen, da fährt auf einmal rechts an uns ein Bus vorbei. Es steigen eine Reihe von Touristen aus, die einfach an uns vorbei in den Eingangsbereich laufen, und dabei sogar vom Personal gelotst werden. Scheinbar gehörten die zu einer Reisegruppe oder Hotel, die einen besonderen Deal mit dem Markt haben, und die erste Gruppe stellen durften. Also mussten wir weiter warten.

Die Amis, alle mit Sonnenbrille und die Damen auf Stöckelschuhen, war das zuviel. Schließlich bezahlten sie keinen Eintritt und konnten dafür auch was verlangen! Während zwei von ihnen in der Reihe blieben, versuchten sich die anderen in die zweite Gruppe zu schleichen, die inzwischen mit orangen Sicherheitswesten aus dem Eingangsbereich herauskamen. Dann waren sie erstmal weg und es wurde ruhiger.

Keine 10min später kamen sie laut zeternd zurück, dass es wohl so doch nicht klappte und wie blöd hier doch alles ist.
Nun kamen auch wir endlich in den Eingangsbereich. Ein emsig lächelnder aber leicht überforderter Japaner drückte uns dann allen eine Broschüre in die Hand und bat uns, eine orangene Sicherheitsweste anzuziehen. Die Broschüre erklärte nochmal die Regeln, in japanisch, englisch und russisch, und dazu mussten wir noch eine Doku über Tsukiji schauen, die in einer Dauerschleife lief. Ich war dank Schlafverzicht ganz vorne, konnte aber noch sehen und hören, was die Amis hinten trieben. Sie versuchten mit dem Japaner, der natürlich kein Wort verstand und nur lächelnd auf die Broschüre verwies, zu verhandeln, dass ihre Freunde, die wohl verpennt haben, auch noch reinkommen, wenn sie später kommen.

Ich hätte ihr Anliegen übersetzen können, aber ich wollte es nicht. Ich verstand aber in diesem Moment, warum diese neue Regeln eingesetzt wurden. Es tanzen einfach zu viele Amerikaner Touristen aus der Reihe, die einfach nicht verstehen oder respektieren, dass das hier kein Vergnügungspark ist, sondern ein Markt auf dem Leute arbeiten und ihrem Geschäft nachgehen.

Nach einer weiteren Wartezeit durften wir endlich zur Auktion, immer aufmerksam beobachtet von den Sicherheitsfutzis, die uns den richtigen Weg zeigten. Zwischendurch mussten wir auch aufmerksam sein, um nicht selbst überfahren zu werden. Ständig fuhren kleine Einmann-Laster hin und her, oder zentnerschwere Fische wurden auf Karren transportiert.

Doch Zeit für Fotos blieb keine, die Sicherheitsfutzis spurten voran und hinter mir kam der Rest der Schlange – und meine Position weit vorne wollte ich nicht verlieren.

Durch eine unscheinbare Tür und an einem weiteren lächelnden Japaner vorbei, ging es dann in die Auktionshalle hinein. Auf dem Boden lagen riesige gefrorene Thunfische, zwischendurch Leute, die sich die Fischkörper genau anschauten. In der Halle, direkt vor der Tür, durch die wir kamen, waren nun zwei orange Bänder gespannt, ungefähr auf Knöchelhöhe. Sie bildeten einen ca. 1m breiten Gang, die Halle entlang. Mehrsprachige Schilder wiesen daraufhin, dass Touristen sich nur in zwischen diesen Bändern bewegen dürfen. Dazu keine Fotografie mit Blitz, laute Rufe oder sonstiges, das die Händler ablenken könnte.

Die Händler selbst jedoch waren anscheinend schon an die Touristengruppen gewöhnt, die sich da täglich beteiligen, und ignorierten uns komplett.
Weit vorne, direkt links am Band positionierte ich mich, mit freien Blick auf Fisch und Volk. Da blieb ich nun, die ganze Zeit über. Die Position wollte ich nicht aufgeben, da schnell alles voll und zugestellt war. Alle Fotos von der Auktion sind also nur aus einer Position gemacht.

Es passiert erstmal nicht mehr viel. Die Herren schauten sich den Fisch an und bereiteten sich auf die Auktion vor.

Am Schwanz wird eine Kerbe eingeschlagen und mit dem Haken wird das Fleisch betrachtet. Die Qualität und somit der Preis eines Fischs läßt sich an der Färbung des Fleisches erkennen, bzw. nur erahnen. Denn eine Schwanzflosse allein macht noch kein gutes Sushi.

Es wird genau inspiziert, ob es sich lohnt, viel für den Fisch zu bieten.

Mehrere tausend Euro pro Kilo sind keine Seltenheit. Daher drängen sich viele Händler um den Fisch und hauen ihre Haken rein, wie Geier in ein totes Tier.

Die scharfen Haken werden dabei an den Gürtel gehängt oder ganz lässig in die Gummistiefel gesteckt.

Die Händler sind natürlich auch wirklich Originale und seit Jahren dabei. Sie sprechen ihre eigene Sprache, handeln seit Jahrzehnten mit Tonnen von Fisch für Millionen Yen – jeden Tag. Mein Vermieter erzählte mir mal, wie er für ein Sushi-Restaurant gearbeitet hat. Sein Meister nahm in an einem Morgen mal mit zum Fischmarkt. Er war zutiefst beeindruckt von den Menschen und den Treiben.

Die Leute kennen sich und gehören derselben Gruppe an. Trotzdem sind es natürlich alles Konkurrenten, die jeweils andere Firmen vertreten. Respekt und Neid, Sieg und Verlust steht da beides an der Tagesordnung. Und zwar an jedem Tag, an jedem Morgen.

Den Beginn der Auktion und den Rest vom Markt behandle ich dann im zweiten Teil. Das mit den Amis möchte ich aber hier noch abschließen:

Als ich aus der Auktion herauskomme, kommt ein junger, etwas gestresster Ami auf mich zu und fragt mich, ob ich Englisch kann. (Interessanterweise habe ich in Japan nur Amerikaner erlebt, die andere Ausländer fragen, ob sie Englisch können. Jeder andere Ausländer, von Indiern und Pakistanis abgesehen, sprach mich immer auf Englisch an.) Klar, sage ich, ich kann Englisch. Dann fragte er mich, wo es denn hier zur Auktion geht. Es war inzwischen halb 7 Uhr morgens und ich meinte, da hätte er früher aufstehen sollen, denn die ist schon vorbei. „Well, Fuck me!“ fluchte er und ging wortlos an mir vorbei.

Als ich später dann wieder nachhause kam und frühstückte, traf ich auf meine japanisch-amerikanische Mitbewohnerin, mit der ich bis heute gut befreundet bin. Ich erzählte ihr von den Amis, die ich heute traf, und sie nickte nur zustimmend. Sie kennt diese Sorte ihrer (halben) Landsleute, und sie ist genauso genervt von denen wie ich. Sie sagte mir etwas, was mir bis heute im Gedächtnis bleibt und wohl am Besten die meisten Amerikaner in Japan beschreibt:

„Viele (Amerikaner) kommen nach Japan und sehen das Land als ihren Vergnügungspark an. Für ihr Ticket wollen sie auch was geboten sehen, und führen sich auf wie zahlende Kunden, ohne zu zahlen oder sich als respektvollen Gast zu verhalten. Und die Japaner sind meistens zu höflich oder sprachlich zu unerfahren, um ihnen zu widersprechen.“

Ob die Amis sich so benehmen, weil vor 60 Jahren mal Krieg war, den sie mit einem zweifachen Massenmord an Zivilisten gewannen, und dann als Besatzungsmacht sagen konnte, wie der Hase läuft? (Hier auch ein schöner Eintrag über Amerikaner und Anti-Japan-Propaganda, die bis heute Vorurteile in Amerika über Japan verursacht)
Oder weil die meisten Amis keine Ahnung von dem haben, was jenseits ihrer Küsten passiert (es sei denn es gibt Öl)?

Ich weiss es nicht. Und ich habe auch genauso einige coole Amerikaner in Tokyo getroffen, mit denen ich nach wie vor befreundet bin und die genauso genervt waren, von dem durchschnittlichen Ami-Touristen, der ihnen begegnet.

Dafür, dass sie sie still lächelnd trotzdem ertragen, und nicht gleich alle Ausländer verteufeln weil ein paar davon sich daneben benehmen (so wie das in Deutschland sonst üblich ist), gebührt den Japanern ein großer Respekt.

Mehr Fisch und weniger Amis gibts dann in Teil 2….

Impressionen: Chiyoda

Für ein deutsches Magazin mache ich derzeit eine Art Tokyo Guide, zu verschiedenen Stadtteilen und -zentren von der Metropole, jeweils mit Text und Bildern. Den Anfang machte Shinjuku, der zweite Teil war Harajuku, der dritte Shibuya, der vierte Shimokitazawa und hier nun Chiyoda.

Chiyoda ist das Zentrum von Tokyo und gleichzeitig das Zentrum von Japan, da so viele Wirtschafts- und Politik-Standorte sich hier sammeln. Und der Palast vom göttlichen Kaiser steht hier natürlich auch. Ich hatte schon ein paar Bilder aus Chiyoda verblogt: das Raumschiff Tokyo und ein Postkartenmotiv vom Kaiserpalast.
Der größte Fischmarkt der Welt, Tsukiji, steht auch hier, aber zu dem komme ich in einem seperaten Beitrag.

Ich fand Chiyoda eigentlich immer ganz angenehem. Am Kaiserpalast entlang ist wahrscheinlich die schönste Radstrecke der Stadt – fährt man Richtung Südosten ist es sogar die angenehmste, weil es 10min lang nur bergab geht. Ich bin die Strecke fast täglich gefahren, da ich so zu meinem Restaurant gekommen bin. Den Weg hinauf, mit Dynamo an, ist allerdings nich so angenehm.

In Chiyoda ist Tokyo wohl am tokyoigsten – Alt und Neu treffen aufeinander. Bei der Durchsicht der Bilder jetzt fiel mir auch auf, wie oft ich mit Gegensätzen gearbeitet habe, ohne wirklich drauf zu achten. Schaut mal genauer hin, ganz oft ist es ein Spiel mit Klein – Groß, Stadt – Natur oder Mensch – Metropole. Das bietet sich in Tokyo ja auch einfach an.


Seht ihr den kleinen Menschen?


Dachgarten auf nem Hochhaus


Die Ginza


Das weite Ende der Ginza am frühen Morgen