Kunst, Kommerz und kleine Mädchen

Was ich mir bei der letzten Design Festa gegönnt habe.

(C) John Hathway

Da hier im Haus irgendwie auch ein Scanner aufgetaucht ist, sind die Werke diesmal alle eingescannt, statt abfotografiert wie im letzten Jahr, was eine enorme Qualitätssteigerung bedeutet. Je nach Möglichkeit versuche ich auch auf die Website des Künstlers zu verlinken.


(C) monchihoshi

Dieser sanfte Strich und das traditionelle Format hat mir sehr gefallen. Sie hatte auch große Poster, doch die lagen etwas außerhalb meines Budgets…

->wunderschön gestaltet Website der Künstlerin


(C) Nakai tomoyasu

Er hier hatte eine ganze Wand mit einem pseudo-europäischen Fantasy Stadt-Panorama gemalt, insgesamt 1,5m hoch und 6m breit. Das Bild hier oben ist nur ein colorierter Ausschnitt. Pro Ausschnitt brauchte er ungefähr einen Monat.

->Website des Künstlers mit der unmöglichen Adresse http://adam69eve1224.run.buttobi.net/


(C) Lee hwa

Postkarte einer koreanischen Künstlerin. Koreaner gab es dieses Jahr viele auf der Festa, ist halt eben international. Dicke Amis gabs auch, aber die hatten wenig Erfolg.

->Website der Künstlerin (koreanisch)


(C) Toshiharu Shirakaba

Er hatte einige großformatige Bilder, die große Szenen erzählten. Teilweise drifteten einige schon in den Kitsch ab, aber die Trennung zwischen Kunst und Kitsch ist da bei vielen Werken auf der Design Festa schwer auszumachen…

->Website des Künstlers


(C) ShortCake On the Strawberry

Das hier wurde von der Manga-Zeichnerin gemacht, die auch für Sayuri von Flava die Zeichnungen macht. Sie hatte einen eigenen Stand mit lauter kleinen Karten von Menschen aus Adachi. Adachi ist ein Viertel im Norden von Tokyo, aus dem Sayuri stammt und in der sie manchmal singt. Wie genau das alles zusammenhängt versteh ich zwar noch nicht, doch von diversen jungen Künstlern aus Adachi gibt es eben diese Karten.

Ich kannte ja nur Sayuri, also wollte ich ihre Karte. Welches Motiv man allerdings bekommt, ist Zufall, da man einfach in ne Kiste greifen muss. Ein andere Fan von Sayuri zeigte mir kurz zuvor stolz seine Sammlung an Karten, er hatte oft in die Kiste gegriffen um eben genau die eine Karte zu erwischen.
Ich griff nun rein und bekam den Teddy. Der war zwar absolut selten und rar, doch er war nicht was ich wollte. Ich griff also nochmal rein und bekam…. Die selbe Karte. Das waren vielleicht die einzigen beiden Teddies in der Grabbelkiste und ich erwischte beide.

Die Manga Zeichnerin sah meine Frustration ein und gab mir eine andere Karte zum Tausch.


(C) ShortCake On the Strawberry

Die Spezialkarte, komplett mit kleinen Bilderrahmen.
Ich ging dann sofort zu dem anderen Fan mit den vielen Karten und zeigte ihm meine Erungenschaft 😉

Auf der Rückseite fanden sich dann die Daten zur Person, welche Musik sie spielen und wie hoch ihr “Powerlevel” ist…


(C) ShortCake On the Strawberry

Der Teddy ist übrigens ein Selbstportrait der Zeichnerin.

->Website zur Künstlerin

Kommen wir zu dem Highlight, dass auch den Blogeintrag eröffnete:


(C) John Hathway

Diese Werke haben mich echt beeindruckt. Der ganze Stand war voller großformatiger Drucke. Diese urbane, futuristische, völlig überladene und mit stürzenden Linien gefüllte Vision eines Tokyo, und mittendrin kleine Mädchen – das ist alles so japanisch, irgendwie.


(C) John Hathway

Für die großen Drucke fehlten mir das Geld, daher kaufte ich das Artbook, aus dem ich die Bilder hier gescannt hab. Dazu kam auch eine DVD und ein Manga.


(C) John Hathway

->Website des Künstlers

Ich find diese Dinger so genial, weil sie mit Mitteln der Popkultur und Manga-Ästhetik einen anderen, künstlerischen Blick auf das moderne Tokyo werfen. So sehe ich das Bild. Vielleicht verkläre ich auch nur die Popkultur zur Kunst und halte des Künstlers Vorliebe für kleine Mädchen (…) für einen cleveren Kommentar zur Überästhetisierung, -sexualisierung und den allgemeinen moe-Boom in Manga & Anime.

Doch, nunja, wie heisst es so schön: Kunst liegt nunmal im Auge des Betrachters.

Die goldenen Gassen von Shinjuku

Zugegeben, ein etwas dramatischer Titel für einen kleinen Bereich voller Bars und Bars und Bars – die Shinjuku Golden Gai

Für den Tokyoguide zu Shinjuku bin ich auch durch die Shinjuku Golden Gai gezogen, einem Ort, von dem ich vorher wenig gehört hatte, und der so versteckt liegt, dass man ihn nicht findet, wenn man nicht weiss, wo er ist. Ich musste auch lange suchen. Die Wegbeschreibung klingt auch, als ob sie aus einem Märchen stammt:

Hinter dem Rotlichtviertel Kabukicho liegt ein Tempel, dahinter, zwischen zwei großen Bäumen hindurch, führt eine Straße durch einen kleinen Wald. Links davon ist dann die Golden Gai.

Und was soll ich sagen, irgendwo hatte die Beschreibung recht.

Das ist der Weg, ein Steg über Gras, zwischen Bäumen hindurch. Die Anzahl und Dichte der Bäume hier, versteckt hinter ein paar Häusern, ist in Shinjuku echt aussergewöhnlich.

Mir kam das alles vor wie aus einem Anime, so ein fantastisches Setting, Natur trifft Großstadt.

Und überall elektrische Geräte an den Wänden und ein Kabelwirrwarr zwischen den Ästen.

Nur am verrosteten Straßenschild kann man dann erkennen, dass man es endlich gefunden hat.

Die Golden Gai – das sind verschiedene kleiner Gässchen, mit einer Gesamtfläche von gerade mal 2km², auf der sich Bars dicht an dicht drängen.

Einige sind dabei gerade mal so groß, wie die Eingangstür breit. Insgesamt werden es wohl mindestens 1000 Bars sein. Wie die sich alle halten können, ist mir ein Rätsel. Einige spezialisieren sich stark, wobei dann ziemlich absurden Bars und Sprüche an der Tür herauskommen.


Na ob das wirklich eine japanese hentai Bar ist….

Die Golden Gai ist bzw. war allgemein als Künstlerviertel verschrien. In den 70er Jahren drängten viele junge Künstler in die kleinen Bars, dazu kamen Regisseure, Mangaka, Schreiber… Mit der Zeit wurden die Künstler älter und gingen, oder blieben sporadisch. Trotzdem kommen noch viele hierher und suchen den Geist vom alten Golden Gai, und folgen dem Ruf, von dem sie gehört haben.

Die “Gaijin-Problematik”, also wie man mit Gästen umgeht, die die eigene Sprache nicht sprechen, wird unterschiedlich gelöst. Einige locken Englisch-sprechende Kunden stark an, und kassieren dann auch stark ab, mit 1000yen Eintritt zu den 6m² der Bar. Andere wiederum schreiben in Englisch an die Wand: “Hallo Ausländer, wenn du nur das hier lesen kannst, brauchst du gar nicht erst durch unsere Tür kommen”.


Life is a bitch, but I love bitch and bitch loves me

Nette Lebensphilosophie. Komplett mit Diskokugel.

Zwischen den Gassen und den Bars, gibt es dann nochmal kleinere Durchgangsgassen.

Einige zappenduster.

Und Kabel überall…

Eigentlich gibts dort ein strenges Fotografierverbot, überall weisen Schilder daraufhin. Und bei Nacht, wenn Betrieb ist, wird das wahrscheinlich auch stärker forciert. Ich hatte im Tageslicht mehr Erfolg, allerdings kann ich so auch nicht für die Golden Gai bei Nacht sprechen. Ich werds mir bei Gelegenheit mal geben.

Mir gefallen die kreativen, kleinen Bars, auch wenn viele deutlich “Abzocke!!” schreien. Ob sich in der Golden Gai immernoch viele Künstler auf- und unterhalten und sich betrinken kann ich hier und jetzt nicht sagen. Mittlerweile weiss ich aber, dass es in Tokyo bessere Plätze gibt, um Kunst zu zeigen und mit anderen ins Gespräch zu kommen.

EU-Gütesiegel

(C) Tobias MittmannIllustration vom wunderbar kreativen Tobias Mittmann

Ich hatte es in der letzten Statistik-Sammlung schon mal kurz angeschnitten, aber da es nun offiziell ist, betone ich das noch mal:

Mein Projekt “junggesehen”, ein Bildband zur jungen deutschen Fotografie mit 100 Fotos von 100 Fotografen, wird von der Europäischen Union im Rahmen von JUGEND IN AKTION mit mehreren tausend Euro gefördert! Das, und das Gütesiegel der EU auf dem Projekt, der Segen der Europäischen Union, ist verdammt groß.

Das erste Dokument, dass wir von der EU bekommen hatten, war in so einem dermaßen schlimmen Bürokraten-Deutsch geschrieben, dass wir garnicht verstanden haben, ob wir nun das Geld bekommen, der EU schulden oder irgendwas dazwischen… Glücklicherweise haben wir jemanden in der Redaktion, der 2 Semester Jura studierte. Sie konnte uns das übersetzen…

Wir hatten lange Zeit Schwierigkeiten Sponsoren und Unterstützer für das Projekt zu finden. Keiner traute uns wirklich zu, dass wir das alles auch durchziehen. Doch im letzten Sommer haben wir dann die erste Auflage gedruckt und restlos ausverkauft! Der Druck der Bücher passierte erst, als ich schon in Japan war, ein paar Tage vorm Flug hatte ich die .pdf zur Druckerei geschickt… Das einzige Exemplar was ich hier in Japan habe wurde mir dann von Deutschland zugeschickt.


Cover – Foto: Lea Müntges /Gestaltung: Dana Radloff

Zur Motivation und Geschichte hier mal das Vorwort aus dem Buch:

Das Internet ist groß. Es beherbergt Millionen von Bildern und Fotografien von ebenso vielen Fotografen – oder solchen, die sich dafür halten. Es ist schwierig, aus dieser bunten Masse herauszustechen und gesehen zu werden – erst recht wenn man jung ist. Doch gerade das gesehen und entdeckt werden ist für einen jungen Fotograf wichtig, auf dem Weg sich und seine Bilder zu entwickeln.

Vor einigen Jahren wurde jugendfotos.de gegründet, eine Internetplattform speziell für diese jungen Fotografen. Ursprünglich stand die journalististische Verwendung der Bilder für Jugendprojekte im Vordergrund. Doch schnell zeichnete sich auch eine andere Nutzung dieser Plattform ab: Junge Fotografen trafen sich, redeten über Bilder, entdeckten Neues und lernten. Man hatte viel gemeinsam und viel zu bereden – stets auf gleicher Augenhöhe, denn Profis gab es noch nicht.
Jugendfotos.de wuchs, und somit auch die jungen Fotografen. Mit über 40.000 Fotos im Archiv gab es dann aber wieder eine bunte Masse, in der es wieder schwerer wurde, gesehen zu werden – und die besonderen Exemplare verschwanden.

Eine Gruppe von jungen Fotografen wollte das ändern.
Nach dem Vorbild der großen Kunstsammelbände sollte ein Bildband als Buch erscheinen, der hundert dieser jungen, talentierten Fotografen würdigt und aus der Masse befreit. Er soll ihre Bilder zeigen, und den Fotografen ein Gesicht geben. Keine Masse mehr – sondern Gefühle, Gedanken und Kunst.

Das Ergebnis dieser Bemühungen hältst Du nun in der Hand.

Jung sein und fotografieren – das bedeutet entdecken. Mit diesem Buch sollen gute Fotografien, junge Fotografen aber auch die junge Fotografie als solche entdeckt werden. Denn was diese so einzigartig macht, ist die Leidenschaft. Es sind junge Menschen, die nicht fotografieren, weil sie dafür bezahlt werden, weil es ihnen ein jemand vorschreibt oder weil sie es so gelernt haben.
Sie nehmen sich die Kamera und drücken ab – frei von allem.

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte – und 100 Bilder von 100 Fotografen sagen noch sehr, sehr viel mehr.

Augen auf!

Fritz Schumann
Chefredaktion „Junggesehen“

Die Reaktion auf das Buch war überwältigend, sowohl von den abgedruckten Fotografen, als auch von den Lesern.

Seit dem letzten großen Schritt im Sommer letzten Jahres ist allerdings nicht mehr viel passiert. Ich als Leitung habe versucht etwas aus Japan aus zu koordinieren, doch es ist schwierig. Ebenso versuche ich hier auch eine Ausstellung zur jungen deutschen Fotografie anzuleiern, doch in Japan dauert das alles immer so lang. Erst wird gesprochen, dann gewartet, dann noch mehr gesprochen und noch mehr gewartet… Die Entscheidungen fällen nämlich nicht die, mit denen man spricht, sondern die 2-3 Etagen dadrüber. Ich hoffe mit EU-Gütesiegel geht das nun alles etwas schneller.

Ich versuche nämlich auch ein vergleichbares Projekt mit jungen japanischen Fotografen anzugehen. Vielleicht nicht unbedingt als Buch, jedoch aber als Ausstellung. “junggesehen” bedeutet ja auch: die Welt, jung gesehen. Die Fotos zeigen alles was Jugendliche/junge Erwachsene interessiert, bewegt, begeistert. Es wäre interessant zu sehen, was junge japanische Jugendliche bewegt und begeistert. Am Ende könnte sogar eine gemeinsame Ausstellung in Deutschland oder hier stattfinden.


Backcover

Doch je länger das dauert, desto mehr Sorge habe ich, dass in meiner Zeit hier nicht mehr umsetzen zu können. Von den ersten Gesprächen an habe ich schon Fortschritte gemacht. So hat zum Beispiel die Stadt Berlin (Partnerstadt von Tokyo) vorsichtige Unterstützung signalisiert, und mit Vertretern von der Stadt Shinjuku (meine neue Heimat und die Partnerstadt meiner alten Heimat Berlin-Mitte) habe ich auch schon gesprochen. Die finden das Projekt zwar voll sugoi aber man könne ja hier und jetzt nix konkretes festmachen.

Und, nunja, vom Goetheinstitut brauche ich garnicht zu reden… (“Wer sind sie?”, “Was haben sie für Qualifikationen?”, “Wir haben kein Geld!!”). Dabei suche ich hier nichtmal finanzielle Unterstützung. Nur jemand der sagt “Cool, machen wir”. Ich brauch nur nen Raum zur Ausstellung, und irgendwo einen Kontakt zu jungen Fotografen. Doch Japaner sind was das angeht nicht so flexibel wie Berliner, wo es einfach ist kreative Projekte umzusetzen. Man muss nur mit seiner Idee überzeugen können. Wie abgeranzt die Klamotten dabei sind, oder wie lang das Haar, ist komplett egal. In Japan ist das etwas anders. Allerdings ist Berlin damit auch ziemlich einzigartig in der Welt…

Was wir, ich und die Redaktion, nun mit dem Geld machen, das diese Woche nun auch schon angekommen ist, ist noch nicht klar. Wir konnten uns auch darauf einigen, dass wir das erst gemeinsam entscheiden, wenn ich wieder in Deutschland bin. Die Redaktion ist über gesamt Deutschland verteilt, das wird dann auch unser erstes richtiges Treffen. Ich bin gespannt.

Das Projekt hat viel Potenzial junge Fotografie zu fördern und deswegen ist es mir persönlich auch so wichtig. Mit dem EU-Gütesiegel stehen uns nun viele Türen offen.

mehr Infos:

Homepage vom Projekt -> junggesehen

noch mehr Kunst in Tokyo

Ziemlich viel Kunst in letzter Zeit, womit ich gerne auch jedes Mal erneut meine eigene These widerlege, dass Tokyo nicht so viel Kreativität und Künstler zu bieten hat, wie Berlin. Für alle, die von meine Kunst-Beiträgen schon etwas genervt sind, hier ein japanischer Werbespot zur Erheiterung:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=o2hQGOOR5g0&hl=de_DE&fs=1&]
Die Story erklärt sich eigentlich von selbst, eine Klasse bekommt immer einen neuen Austauschlehrer, der gewissen Stereotypen entspricht. Großartig ist der Shogun… “Insolence!!” 😀

Bereits erwähnte Künstlerin, mit der ich durch die Roppongi Hills spazierte lud nun zu einem Künstler-Event, bei der drei Künstler zu Gast waren, und ihre Werke vorstellten. Das Ganze fand in in einer gewissen Wohnzimmer-Atmosphäre, im fünften Stock eines normalen Wohnkomplex statt. Man war sich dementsprechend nah, vom Platz her und der allgemeinen sozialen Stellung (d.h. der Künstler war nicht der von der Galerie gehypte Über-Gott, den man nur übers Management ansprechen kann). So etwas kannte ich schon aus Berlin, nur ist sowas in Tokyo dann schon etwas gehobener, der Hotdog kostet 600yen und man hat Aussicht über die Lichter der Stadt. In Berlin ist sowas dann oft etwas abgeranzter, was es allerdings auch irgendwo sympathisch macht.

Die drei Künstler, aus den USA, Taiwan und Deutschland, lebten in einer Art unterstützten Künstler-Kommune zusammen und werden vom Projekt bei ihrer Arbeit unterstützt. Dabei ist eine alte Grundschule das Zentrum für Studio und Ausstellungsfläche. Ich find das Konzept ziemlich cool und will mich da fürs nächste Jahr auch bewerben =)

An dieser Stelle möchte ich mal die Künstler und ihre Werke vorstellen:

Doreen Uhlig



Quelle: doreenuhlig.com/umniza

Die aus Ostdeutschland stammende Künstlerin stelle zwei Projekte vor. Das obere hier ist ein Interview mit ihrer Großmutter. Die beiden saßen sich Knie an Knie gegenüber und sollten Sätze austauschen, die ihre Vergangenheit gemeinsam verbindet und die sie oft gehört haben. Simpelstes Beispiel: Omi sagt “Pass ja auf dein Geld auf, Kind”. Ein Skript gibt es nicht.

Diese Interview-Technik setzt sie jetzt auch in Japan um. Wie bereits erwähnt ist diese Künstler-Kommune eine ehemalige Schule. Die ehemaligen Klassenfotos hängen dort auch noch aus. Doreen Uhlig hat sich nun eins dieser, teilweise mehr als 40 Jahren alten Klassenfotos, rausgesucht, und versucht die Leute heute ausfindig zu machen. Diese sollten dann mit einem Verwandten, jünger oder älter, dieselben Interviews führen, wie sie mit ihrer Großmutter.
Mit ihren Werken konnte ich zwar von allen dreien am Wenigsten etwas anfangen, da es mir dann doch zu abstrakt war, aber diesen investigativen Tatendrang, die Schicksale von Menschen auf einem alten Foto herauszufinden, die Menschen aufzusuchen um zu sehen, was aus ihnen geworden ist, finde ich sehr faszinierend.

Die Homepage von Doreen Uhlig, mit noch mehr Werken: hier, und in deutsch!!

Daniel Seiple
Daniel Seiple hatte mich an diesem Abend am meisten beeindruckt. Die Kreativität hinter seinen Werken und die Darstellung von dem, was mit Kunst alles möglich sein kann, hat mich ziemlich inspiriert. Ich möchte mal ein paar Sachen vorstellen:

Quick Click


Quelle: Quick Click Project Homepage

Diese Ausstellung fand im World Trade Center statt, im März 2001. Dieser Kunst-Event gestaltete sich wie folgt: Die Besucher wurden in den Ausstellungsraum im 91. Stock gebeten, und sollten sich zu einer bestimmten Zeit vor ein Fenster stellen. Draußen kam Daniel Seiple mit einem Helikopter vorbeigeflogen und fotografierte vom Heli aus, die Zuschauer hinter der Fensterscheibe.

Hier gibts mehr zum Projekt.

Danach gings nach Berlin


Quelle: travelhome.org

Berlin sollte an diesen Abend nicht das letzte Mal erwähnt werden. Grundsätzlich bin ich erstaunt, dass fast alle Künstler, die ich hier treffe, von Berlin als Kunst-Stadt schwärmen, weil sie schon dort waren, oder unbedingt wieder hin wollen.
Als Berliner ist mir die hohe Kreativitäts- und Kunstdichte dort schon aufgefallen und ich habe sie auch sehr genossen. Aber es ist interessant zu sehen, wie Berlin international wahrgenommen wird.

Das Projekt oben, “Organisierte Ausflugsfahrten”, ist gewissermaßen eine Parodie, bei der ich schonwieder lachen muss, wenn ich mir das vorstelle.
Wie auf dem Bild oben zu erkennen ist, wird ein kleiner Hof befahren:

Organisierte Ausflugsfahrten is a German expression which announces an “organized excursion and drive.” At Autocenter, I arranged professional bus tours of the gallery’s courtyard. Tours departed every 15 minutes on the hour. The gallery was transformed into a waiting room where visitors could to relax and drink coffee in anticipation of the next tour. Tours ran 4-6 minutes and were complemented with easy-listening music. Passengers were assured by the professional driver, and welcomed with a pre-recorded bilingual greeting: “Hello! Welcome to the Bus Tour. Sit back. Relax. We hope you enjoy the ride!” The route provided a 360º tour of the courtyard and consisted of a 16-point turn. In two days, visitors enjoyed the tour from both inside and outside the bus.

Die organisierte Fahrt beschränkt sich dabei nur auf ziemlich unelegante Wendungen des Reisebusses auf dem Hof der Galerie. Großartig!

Skulpturen-Park


Quelle: skulpturenpark.org

Mit ein paar Kollegen hat er dann in Berlin den “Skulpturenpark Berlin_Zentrum” aufgemacht, der einen Raum für Ausstellungen und Kunsprojekte gibt.
Ein Projekt, was irgendwie auch im Rahmen davon passierte, wenngleich auch auf einem anderen Gelände, und zwar in der Nähe vom Spittelmarkt, auf einem brachliegenden Gelände, ist der Wasserfall aus Weltkriegstrümmern.

Daniel Seiple war von dem Schutt auf diesem leeren Gelände, das allerdings doch Eigentümer hatte, fasziniert, und wollte etwas daraus machen. Für einen Wasserfall wollte er zuerst einen Brunnen graben, doch irgendwann stieß er auf Beton und es ging nicht weiter. Glücklicherweise fand er fix einen schon existierenden Brunnen, der 10m von den Trümmern wegstand.

Den Wasserfall gibt es heute noch, ich lade jeden Berliner ein, es sich bei Zeiten mal anzuschauen. Der Künstler empfehlt dazu noch, ein paar Bier mitzunehmen, es wäre ein prima Ort zum abschalten.

Mehr zum Wasserfall auf der Projekt-Homepage.

Exakte Location vom Haufen in den Google-Maps

Go West

So es wird noch besser.


Quelle und real existierende Website

Eine Galerie aus San Francisco hatte Daniel Seiple eingeladen, aber gerade genug Geld zur Verfügung gestellt, das es für einen Flug von Berlin nach New York reicht.

In New York machte er dann eine Transportfirma auf, bot Transport von New York nach San Francisco an plus einen Monat kostenfreie Lagerung.
So fand er neun Kunden, die alle gutes Geld zahlten, und transportierte dann zusammen mit seiner Frau (die zum damaligen Zeitpunkt gerade einmal zwei Wochen den Führerschein hatte) die gesamte Ladung per Auto von New York nach Kalifornien, quer durch die USA.

Falls ihr euch über den einen Monat Lagerzeit wundert, nun:


Quelle: Projekt-Homepage

Der Inhalt vom Truck, war sein Beitrag zur Ausstellung der Galerie. Die einmonatige Lagerungsfrist war auch die Länge der Ausstellung. Danach lieferte er dann alle Pakete ab und bekam sein Geld. Ich find das genial. Denn nicht nur der Truck-Inhalt war Teil der Ausstellung, der Aufwand und die Fahrt, quer über den Kontinent, gehören dazu.

Mehr Infos zum Projekt hier

Tear down this fence


Quelle: Projekt-Homepage

In Kanada gibt es eine Stadt, die Kitchener-Waterloo heisst. Früher war Kitchener eine eigenständige Stadt, die als deutsche Siedlung begann, und Berlin genannt wurde. Die Grenze zwischen beiden Städten ist über die Jahren verschwunden.

Daniel Seiple hat nun diese Grenze herausgefunden und Anwohner gebeten, doch symbolisch ihren Zaun, also die Grenze bzw. den Schutzzaun um Berlin abzureissen. Einige machten mit. Geniale Idee.

Mehr Infos und Videos zum Projekt

Die Homepage vom Künstler, mit noch mehr Projekten.

Wu Shang Lin


(links im Bild)
Quelle: Homepage vom Künstler

Wu Shang Lin kam am Tag des Events gerade erst in Tokyo an, sein Flieger landete am Nachmittag und am Abend sprach er schon über seine Projekte. Er war noch etwas im Umbruch, mit ihm habe ich mich aber am längsten unterhalten.

Er hatte zwei interessante Projekte: Bei dem einen übergoss er sich mit Farbe.


Quelle: Projekt-Homepage

Das war zu der Zeit, als er in Paris wohnte. Er war überrascht, wieviel Materialien die französischen Kunst-Studenten zur Verfügung standen, verglichen mit seinen Erfahrung in Taiwan. Bei soviel Farben wollte er unbedingt was malen, aber ihm fiel nicht so recht ein, was er denn bemalen könnte. Also dachte er, er nimmt sich selbst als Leinwand, was ich wunderbar ehrlich und kreativ-frech finde.

Für das Andere, welches er nun auch in Japan fortsetzt, führt er eine Reihe von Interviews. Zuvor hatte er soetwas in Berlin gemacht. Ich bat ihn dann mal kurz, diesen Film anzuspielen, auch wenn es nur wenige Deutsche im Raum gab, die den untertitelfreien Film dann auch verstanden haben, was die anderen etwas nervte 😉
Auf meine Frage, wie er denn die Interviewpartner aussucht, meinte er, dass es da keine speziellen Regeln gibt, einfach Leute die er interessant findet. Und ich finde, das zeigt auch, dass im Prinzip jeder Mensch etwas interessantes zu erzählen hat, ohne ein großes Casting oder Auswahlkriterien.

Homepage vom Künstler, der wirklich ziemlich sympathisch ist.

Auch wenn das hier alles ausländische Künstler waren, so machen sie doch Tokyo ein bisschen bunter. Denn manchmal erscheint es, als hätte der graue Beton dieser Stadt, die bunte Vielfalt begraben und verschluckt.
Berlin ist in der Hinsicht eine bunte offene Wiese*, aus deren Untergrund viele bunte Blumen sprießen. In Tokyo meint man manchmal, jemand hat Beton über die Wiese gegossen.

Umso besser, dass nun Graffiti-Sprayer aus fremden Ländern kommen, um etwas Farbe auf den Beton zu bringen.

*Berlin ist die grünste Stadt Europas, mit sehr viel freien Grünflächen, eine durchaus passende Metapher zur offen Kunsthaltung, wie ich finde.